Man nennt mich Lennard Vross. Ein Name, der so trocken im Hals stecken bleibt wie der Staub in einer Sackgasse von Duisburg. Wenn man mich ansieht, sieht man einen Mann, der zu viele Sonnenaufgänge gesehen hat, die er lieber verschlafen hätte. Mein Gesicht ist eine Landkarte aus schlechten Nachrichten: markante Wangenknochen wie aus Stein gemeißelt und eine Furche zwischen den Brauen, die so tief sitzt, dass man darin ein Geheimnis vergraben könnte.
Ich bin eins achtzig groß, wiege achtzig Kilo und besitze die Art von Gesicht, die man sofort wieder vergisst – es sei denn, man schuldet mir eine Wahrheit. Diese Belanglosigkeit ist mein bester Maßanzug. Ich bin das weiße Rauschen in deinem Leben, die leere Patronenhülse in einem Massengrab, die niemand aufhebt. Hab keine Angst vor mir – hab lieber Angst vor dem, was ich mit dir in meinen Krimis veranstalte.
Zwischen Niederrhein und Pott bis ins Oberbergische atme ich den Dreck der Seelen ein, bis meine Lunge nach verrostetem Stahl schmeckt. Ich arbeite dort, wo das Gewissen unter der Last der Miete zerbröselt. Dort, wo das Böse kein Monster aus einem Film ist, sondern der freundliche Typ von nebenan, der dir beim Müllrausbringen zunickt und im Keller Dinge tut, über die man nicht spricht.
Ich bin Schriftsteller, sagt man. Aber ich verkaufe keine flachen Witze, erzähle keine müden Pointen auf einer Bühne und serviere keine Happy Ends. Ich obduziere Albträume bei lebendigem Leibe. Ich bin ein psychologischer Parasit; ich sauge mir die Geschichten direkt aus den Poren der Leute wie ein Vampir, Schicht für Schicht, bis nur noch das nackte, hässliche Skelett ihrer Motive übrig bleibt. Ich beobachte dich – deine Mimik, deine Gesten, deine Worte. Eigentlich alles.
Ob du selbst, während du diese Zeilen liest, bereits zum Protagonisten in einem meiner Manuskripte geworden bist, wirst du nie durch Raten erfahren. Es gibt nur einen Weg, die Wahrheit hinter dem Schleier zu finden: Du musst das Risiko eingehen, meine Krimis zu öffnen. Nur dort, zwischen den blutigen Zeilen, wirst du feststellen, ob ich dich bereits unsterblich gemacht habe – oder ob du das nächste Opfer bist.
Die Maschine unter mir
Wenn ich mich bewege, dann auf meiner nachtblauen BMW K 1600 GT. Ein sechszylindriger Schatten auf zwei Rädern. Sie schnurrt so leise und hypnotisch, dass man sie für ein Flüstern im Wind halten könnte – ein mechanisches Echo, das dich einlullt, während ich bereits dein Gehirn seziere.
Vielleicht saß ich heute Morgen im Bus der Linie 921 direkt hinter dir. Ich habe das Zittern deiner Finger gesehen, diesen feinen Schweiß der nackten Existenzangst auf deiner Oberlippe, wenn ich ein Ticket löse. Ich sauge diese Neurosen auf, bevor du sie selbst verstehst. Ich speichere sie ab. Für später, wenn das Blut auf dem Papier fließen muss.
Die Chirurgen des Schmerzes
Ich bin der Kopf, der Architekt des Grauens, aber für die Drecksarbeit habe ich meine Instrumente: Novak und Vlachos. Ein Duo wie eine chirurgische Klemme und ein Vorschlaghammer. Gemeinsam treiben wir die Dunkelheit in die Enge. Wenn ich die Fäden ziehe, übernimmt Jani die kalte Analyse aus der Distanz. Wir jagen nicht nur Täter – wir jagen das, was von ihnen übrig blieb, nachdem die Menschlichkeit durch den Abfluss verschwunden ist.
Frag dich nicht, ob ich eine Erfindung bin. Das ist eine Frage für Leute, die zu viel Zeit haben. Frag dich lieber, ob der Schatten, der heute Morgen dein Fenster streifte, meiner war. Ich bin die Stadt, die dich beobachtet, wenn du glaubst, die Tür sei verschlossen. Ich zerre deine Realität in eine dunkle Gasse und verpasse dir einen Schlag in die Magengrube, der deine Seele erzittern lässt.
Dreh dich besser nicht um. Ich mache mir gerade Notizen. Über dich.